Absatzmarkt Schweden

Das neutrale Schweden ist für die deutsche Flugzeugindustrie nach Kriegsende eines der wenigen noch möglichen Absatzmärkte in Europa. Im Januar 1919 bereist Junkers-Vertreter Arved v. Schmidt Skandinavien, um dort die kurz vor Kriegsende fertiggestellten Zweisitzer J 10 und J 11 als Postflugzeuge abzusetzen. Die neuartigen Metallflugzeuge erregen zwar das Interesse der Skandinavier, aber letztendlich wollen es sich weder die Dänen noch die Schweden wegen Ankaufs deutscher Militärflugzeuge mit der Entente verderben.

Nach Fertigstellung des Verkehrsflugzeuges F 13 versuchen die Junkersleute einen erneuten Vorstoß in Schweden. Um die Güte und Wirtschaftlichkeit des neuen Verkehrsflugzeuges unter Beweis zu stellen, ist es notwendig, die in Gründung begriffenen europäischen Luftverkehrsgesellschaften dazu zu bewegen, einige F 13 in den Liniendienst zu stellen. Ein großes Hindernis dabei ist, daß die ehemals kriegführenden Länder wie England, Frankreich und Deutschland nach Kriegsende über eine große Anzahl ausrangierter Militärflugzeuge verfügen, die meist billig abgegeben werden und für den Aufbau der ersten Luftpostlinien völlig ausreichen. Für die wenigen Passagiere reicht oft eine Überdachung des Beobachtersitzes.

Die Vertriebsmitarbeiter von Junkers stehen also vor einem großen Problem. Sie haben zwar ein hervorragendes Produkt zu verkaufen, nämlich das derzeit fortschrittlichste Verkehrsflugzeug, aber es besteht bei den wenigen bestehenden Luftverkehrsgesellschaften kein Bedarf. Hinzu kommt, daß die F 13 im Vergleich zu den umgebauten Militärflugzeugen sehr teuer in der Anschaffung ist und erst wirtschaftlich wird, wenn ausreichend Fluggäste das Flugzeug nutzen.

Erschwerend kommt noch hinzu, daß Professor Junkers darauf dringt, das Verkehrsflugzeug nicht als Einzelexemplar an eine Gesellschaft abzugeben, sondern nur in größeren Stückzahlen. Er fürchtet, daß bei Störungen, die in der Anfangszeit der praktischen Erprobung nicht auszuschließen sind, das Flugzeug längere Zeit ausfällt und dies zu einem Prestigeverlust für Junkers führt.

Nachdem die Verhandlungen mit der Deutschen Luftreederei (DLR) zu keinem Ergebnis geführt haben, wird der Auslandsmarkt ins Auge gefaßt. Am aussichtsreichen in Europa erscheint wiederum das neutrale Schweden, wo im Mai eine Luftfahrtgesellschaft, die Svenska Lufttrafik AB (SLA) gegründet worden ist, die mit der DLR bereits über eine Zusammenarbeit beim Aufbau eines Luftverkehrs von Schweden nach Deutschland verhandelt und Flugzeuge von Deutschland beziehen will.

Neben der SLA ist eine zweite Gesellschaft im Entstehen begriffen, die einen Luftverkehr von Schweden nach Finnland plant, die AB Svensk Lufttransport. Beeindruckt von dem Flug Dr. Sablatnigs von Berlin nach Stockholm am 10. Mai 1919 hat sie ein Sablatnig-Flugzeug erworben und ihr Direktor, der russische Hauptmann v. Larsky, reist im Juli nach Deutschland, um weitere Flugzeuge dieses Typs zu kaufen. Junkers-Vertreter v. Schmidt gelingt es, Larsky abzufangen und nach Dessau zu lotsen. Nach einem Flug mit der F 13 ist v. Larsky von dieser Maschine begeistert und stellt einen größeren Auftrag in Aussicht. Ein Wasserflugzeug F 13 bestellt er sofort und möchte auch die Vertretung von Junkers in Schweden übernehmen.

F 13 Wasser

In Dessau beginnen daraufhin sofort die Versuche mit F 13 als Wasserflugzeug, die jedoch vorläufig nicht erfolgversprechend sind (siehe Bau der F 13 "Annelise") und sich bis Oktober hinziehen. Inzwischen hat man v. Larsky davon überzeugt, von einem Wasserflugzeug vorerst abzusehen und eine normale Ausführung mit Radfahrwerk zu bestellen. Später könne man ja das Radfahrwerk problemlos gegen Schwimmer austauschen. Die dritte F 13 wird demzufolge als Landmaschine gebaut und für die Svensk Lufttransport reserviert.

Währenddessen melden sich nach dem Höhenweltrekord der F 13 "Annelise" neue Interessenten in Dessau. Die bereits erwähnte Svenska Lufttrafik, die einen Ankauf von Flugzeugen bei der DLR geplant hatte, zieht einen Teil dieser Bestellungen zurück und will dafür sechs F 13 kaufen. Der BMW-Vertreter Dr. Kraft, der in Schweden mit der Firma Flygmaterial Agnell zusammenarbeitet, will die Vertretung von Junkers in Schweden übernehmen und mit der F 13 "Annelise" und Piloten Zeno Diemer zwecks Kundenwerbung Propagandaflüge durchführen. Beiden Interessenten muß Junkers vorerst absagen, da die in Bau befindlichen Flugzeuge der Svensk Lufttransport zugesagt worden sind und sich für die "Annelise", wie noch zu sehen sein wird, unvorhergesehen eine andere Verwendung ergibt.

Mitte Oktober steht die F 13 Werknr. 533 in Dessau zum Abholen bereit, aber von der AB Svensk Lufttransport ist nichts mehr zu hören. Bei Nachfragen stellt sich heraus, daß der Russe v. Larsky ohne das erforderliche Visum wieder nach Schweden eingereist war und dort inhaftiert worden ist. Auf Drängen der Junkerswerke reist schließlich Direktor Lindblad am 28. Oktober nach Dessau und schließt einen Vertrag über die Lieferung von insgesamt fünf F 13 ab. Das fertige Flugzeug nimmt er jedoch nicht mit. Inzwischen ist auch v. Larsky wieder entlassen worden und ist ihm zu Ohren gekommen, daß die F 13 "Annelise" auf dem Weg nach Russland von der Entente beschlagnahmt worden ist. Da er nun fürchtet, bei Verwendung von F 13 wieder politische Schwierigkeiten zu kommen, setzt er alles daran, aus dem Vertrag mit Junkers wieder herauszukommen. Die Junkerswerke geben schließlich nach und verkaufen zwei der für die Svensk Lufttranport vorgesehene F 13 an v. Heeringen, der damit einen Luftverkehr nach Russland aufziehen will. Für die anderen in Bau befindlichen F 13 findet sich, wie noch zu sehen sein wird, ein amerikanischer Interessent.

Weiter: Der Moskau-Flug der F 13 "Annelise"
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