Der Rekordflug der F 13 "Annelise"Die Junkerswerke schieben den vorausberechneten Rekordflug nicht lange vor sich her. Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt wird benachrichtigt und Gutachter angefordert. Am 12. September treffen der Leiter der Instrumenten-Abteilung der DVL, Robert Gsell, und sein Mitarbeiter Dipl.-Ing. Müller in Dessau ein. Am gleichen Tag wird ein Probeflug mit der F 13 "Annelise" durchgeführt und dabei etwa 6300 m erreicht. An Motor und Flugzeug gibt es keine Beanstandungen. (31) Der Rekordflugversuch findet einen Tag später, am 13. September statt, und er ist erfolgreich. Mit 8 Personen wird die Weltrekordhöhe von 6750 m erreicht. Während des Fluges wurden Aufzeichnungen von Robert Gsell und den Junkers-Mitarbeitern Brandenburg, Gsell, Madelung und Müller gemacht. Auf den Bericht von Friedrich Brandenburg von der Forschungsanstalt soll hier verzichtet werden, da er hauptsächlich technische Details enthält, die sich im wesentlichen mit dem am Schluß zitierten amtlichen Bericht von Robert Gsell decken. Den anschaulichsten Bericht gibt der Jfa-Buchhalter Müller, der in den Genuß dieses Fluges vor allem deshalb kommt, weil er nur 47 kg wiegt. Die Bestimmungen der F.A.I. (Féderation Aéronautic International) erfordern nämlich, daß das Durchschnittsgewicht der mitfliegenden Personen 65 kg übersteigt. Die wichtigsten Teilnehmer des Fluges, Pilot Monz und die Gutachter von der DVL, wiegen zwischen 70 und 73 kg und so muß deren Gewicht nach unten hin ausgeglichen werden. "Der Rekordflug des Junkers-Verkehrsflugzeuges am 13. September 1919 Freitag nachmittag! Auf dem Startplatz der Junkers-Werke zu Dessau steht der neue verspannungslose, aus Aluminiumblech hergestellte Eindecker "Anneliese", an dem die letzten Vorbereitungen für den morgigen Rekordflug getroffen werden. Die Barometer, Barographen und Thermographen werden noch einer genauen Prüfung von zwei Zeugen, - darunter den Verfasser dieses - unterzogen, und dann an verschiedenen Stellen aufgehängt. Besonders gründlich sind nochmals der Motor, ein 185 PS der Bayerischen Motoren-Werke zu München, überholt und dann verlassen wir die "Anneliese" mit dem Bewußtsein, daß sie morgen ihre Pflicht erfüllen wird. Auf 6 Uhr ist der Start festgesetzt. Ein wunderbar ruhiger Septembermorgen. Um 1/2 6 bringt uns das Auto in schnellem Tempo durch das noch schlafende Dessau hinaus auf den Flugplatz, der weit vor den Toren der Stadt liegt. Die Startmannschaft ist bereits fieberhaft tätig, hat die "Anneliese" schon aus dem Schuppen herausgebracht und nochmals werden Motor, Kühlwasser und Benzinvorrat geprüft. Inzwischen wird das Gewicht der 7 Fluggäste und des Flugzeugführers festgelegt, die Versicherung der Personen abgeschlossen und dann erfolgt das Kommando zum Einsteigen. Die sehr geräumige und geschmackvoll ausgestattete Cabine nimmt 6 Personen auf, während der Verfasser draußen neben dem Flugzeugführer auf dem zweiten Führersitz Platz nimmt. Die Cabineninsassen sind gegen Luftzug absolut geschützt, so daß sie keine besondere Kleidung anzulegen brauchen. Nachdem der Flugzeugführer eingestiegen ist und sich sämtliche Personen angeschnallt haben, wird der Motor angeworfen. Ein kurzer Probelauf und das Flugzeug rollt in seine Startbahn. Ein letzter Blick auf sämtliche Instrumente, der Gashebel wird auf Vollgas gestellt und bald hebt sich die "Anneliese" 6.45 sicher vom Boden ab. In schnellem Flug gehts über die nahen Wälder und Dessau hinweg, dessen Sicht durch einen leichten Bodennebel leider etwas beeinträchtigt ist. Die Anlage der beiden Führersitze ist derart ideal gelöst, daß man ohne Schutzbrille fliegen kann, jedoch wiederum ein evtl. "Schieben" der Maschine durch seitlichen Wind deutlich bemerken kann. In stetigem Steigen erreicht die Maschine bald 1000 m Höhe, von 500 zu 500 m werden die notwendigen Ablesungen vorgenommen. Ein Blick rückwärts durch eine Cellonscheibe die befriedigten Gesichter der Cabineninsassen erkennen. Langsam steigt der Höhenmesser weiter, unter uns dehnt sich der Horizont immer weiter aus, Häuser, Straßen, Eisenbahnen, Wälder und Felder werden kleiner und kleiner. Langsam nimmt die Außentemperatur ab. Mit einer Geschwindigkeit von 125 km/Std. nähern wir uns einer Höhe von 2000 m. Der Umdrehungszeiger zeigt 1380 Touren in der Minute. Ein Hebelgriff und der Vergaser des Motors ist auf Höhengas eingestellt, so daß die Touren des Propellers auf 1460 hinauf gehen. Rastlos arbeitet der Motor weiter, bald ist eine Höhe von 3000 m erreicht, es wird weiteres Höhengas gegeben. Nach 9 Minuten sind 4000 m erreicht, worauf der Vergaser vollkommen auf Höhengas eingestellt wird. Nach weiteren 12 Minuten zeigt der Höhenmesser 5000 m an. Die Städte und Häuser -, wir befinden uns eben über Cöthen, - sind zu Spielzeugen geworden, Wälder sind kaum noch von Rübenfeldern zu unterscheiden. Das große Elbknie ist jedoch immer deutlich erkennbar und dient uns als Orientierung, damit wir uns nicht zu weit weg von unserem Startplatz entfernen. Da wir keine Sauerstoffapparate mitgenommen haben, hat sich in der Cabine bereits die Höhenluft bemerkbar gemacht. Ein Insasse ist blasser und blasser geworden und opfert schließlich, dieses mal allerdings nicht dem Meeres-, sondern dem Luftgott. Das hindert die anderen Teilnehmer nicht, ihre Beobachtungen und Eindrücke weiter schriftlich niederzulegen. Wir nähern uns 6000 m Höhe. Die Außentemperatur ist inzwischen auf 10° C. gesunken, sodaß man jetzt sehr wohl den dicken Fliegerpelz vertragen kann. Auch in der Cabine ist die Temperatur entsprechend gesunken. Der darin sitzende zweite Zeuge zündet sich eine Zigarette an und stellt fest, daß sie in dieser Höhe doppelt so lange vorhält, wie auf dem Erdboden, ein Grund, bei den heutigen Tabakspreisen nur in 6000 m Höhe zu rauchen. Langsam steigt die "Anneliese" weiter, sie liegt derartig ruhig und sicher in der Luft, daß der Flugzeugführer zeitweise die Steuerung loslassen kann. Es entspinnt sich nun zwischen Verfasser und Flugzeugführer eine lebhafte Zeichendebatte über den Benzinvorrat. Die Uhr zeigt bereits nicht mehr an und immer steigen wir noch. Um 8.10 haben wir 6750 m Höhe erreicht und entschließen uns schweren Herzens nur mit Rücksicht auf den geschwundenen Benzinvorrat zur Landung. Ein Hebelgriff und die Maschine geht sicher in den flachen Gleitflug über. Wir schweben über Coswig im großen Bogen auf Dessau zu. Der Höhenmesser sinkt schnell auf 5000, 4000, 3000 m. Ab und zu wird der Motor wieder angestellt und sofort richtet sich die Maschine auf. Die Temperatur steigt wieder langsam, sodaß die erstarrten Fuß- und Fingerspitzen allmählich wieder warm werden. Bald wird die Gegend deutlicher, noch einige große Runden über Dessau und dann schwebt die Maschine über dem Startplatz und ist 8.32 wieder glatt gelandet. Kurz danach bleibt auch bereits der Motor stehen, das Benzin ist restlos verbraucht, sodaß der Tank erst aufgefüllt werden muß, bevor die Maschine zur Halle gerollt werden kann. Befriedigt verlassen inzwischen die Insassen die Cabine und erreichen bald zu Fuß den Startplatz, wo bereits ein mit auserlesenen Likören besetzter Tisch auf sie wartet, um die Wirkung der Höhenluft zu beseitigen. Wir sind uns alle einig, daß deutsche Technik und Fleiß wieder einen Triumpf errungen haben, denn eine mit einem 185 PS Motor ausgerüstete Maschine mit 8 Personen, im Gesamtgewicht von 520 kg, in 84 Minuten auf 6750 m Höhe zu bringen, stellt einen Rekord anÖkonomie und Steigfähigkeit dar. Es ist zu erwarten, daß diese Maschine in dem kommenden Luftverkehr eine führende Rolle einnehmen wird. gez. Müller" ![]() Nach dem Höhenweltrekord Der Mitarbeiter der Forschungsanstalt Georg Madelung berichtet über diesen Flug ebenfalls hauptsächlich aus der Sicht eines Passagiers: "Beobachtungen beim Höhenflug mit J.13 am 13.9.1919 (vorn links sitzend) Wärme: H. 2900 m: Es wird an den Knien kalt. Der Boden fühlt sich kalt an; die Fenster noch nicht. (Ich wünsche mir in Gedanken einen Fußsack, der Füße und Beine wärmt). An den Händen ist es noch nicht kalt, Schreiben gut möglich. H. 4000 m: Es wird fußkalt, auch etwas handkalt. Warme Kleidung sehr angenehm. H. 5000 m: Sehr fußkalt. Das Wasser im Statoskop ist gefroren. Schrift teilweise unlesbar, z. Teil wegen klammer Finger, z. Teil auch wegen beginnender Höhenkrankheit. H. 5900 m: Fenster fühlen sich sehr kalt an. Luft mäßig, besonders im Gesicht. Handkalt trotz Handschuhen. Geräusch: Wie in einer lärmenden Werkstatt. Ich verstehe was man zu mir sagt; muß aber so laut sprechen, daß ich heiser werde. (Es war nur ein normaler Auspuffsammler eingebaut.) Bequemlichkeit: Gut. Schreiben gut möglich, viel besser als in der Eisenbahn! Ich schrieb auf meinen Knien, entbehrte vielleicht Pult, besonders aber vor mir ein Fach zum Wegstecken von Karte, Papier, Schreibzeug. Anschnallgurt ist etwas tief; zu sehr auf dem Bauch statt auf der Brust. Keine Belästigung durch Wind, auch nicht bei Öffnen der Klappe zum Führer. Ziemliche Blendung beim Fliegen gegen die Sonne. Leichte Vorhänge erwünscht. Durchsicht durch die Fenster trüb. Sehlöcher wie in den hinteren Scheiben erwünscht. Man sieht infolge der breiten Flügel sehr wenig von der Gegend. Zu Lustflügen über schöner Gegend ist das Flugzeug nicht geeignet. Sonstige Beobachtungen: Linker Flügel vibriert schwach. Amplitude vorn 0, hinten ca. 2 x 10 mm. Frequenz: ca. 4 in der Sekunde. Im Führerraum Luftzug, der die schwere, ca. 30 cm lange Schnalle vom Anschnallgurt des Führers trägt. Die Tür geht leicht auf. Als Herr Gsell aufsteht und den Griff versehentlich streift, springt sie auf. Sicherung notwendig.gez. Mg." "Bericht über den Höhenflug der Junkers-Fokker Werke, in Dessau am 13. Sept. 1919 Flugzeug: Junkers J 13 (Eptaba 016 09 48) Leergewicht (einschließlich Kühlwasser undÖl im Motorgehäuse) = 1030 kg. Die Höhenschreiber Ott 8 km Nr. 2119, 2388, 2889, Goerz Nr. 18870 und ein Höhenschreiber ohne Firmenangabe sowie die Temperaturschreiber Bosch Nr. 1425 und 2087 wurden vor dem Fluge nach der Anzeiger eines Quecksilberbarometers bzw. Normalthermometers eingestellt und verschlossen. Abflug 6 Uhr 46, Landung 8 Uhr 32, beides auf dem Fabrikflugplatz in Dessau. ... Zusammenfassung. Die Auswertung des Höhenfluges der Junkers-Fokker Werke, am 13.9.19 wurde sowohl nach der veralteten, aber für Rekorde noch gültigen Höhenformel als auch nach dem Normaltage vorgenommen. Die erreichte Höhe beträgt: ohne Temperaturberücksichtigung: auf den Normaltag berechnet: Der Abteilungsleiter der Instrumenten-Abteilung |
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